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DER GRENZFOTOGRAF
Jürgen Ritter ist der Fotograf der Grenze.
Von Stasi-Akten, Spitzeln und dem Glauben an die Freiheit |
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Fotoausstellungen:
Seit 1981 in 49 Orten unter anderen in Hamburg (Rathaus), Hannover, Hameln, Bonn (Bundestag), Berlin (Heinrich-Böll-Stiftung), Erfurt (Staatskanzlei), Wolfsburg, Hildesheim (Rathaus), Schwerin (Kultusministerium), Frankfurt, Bad Bevensen, Uelzen, Soltau, Oldenburg, Lüneburg, Stade, Ratzeburg, Hittfeld, Goslar, Northorn, Wittingen, Rothenburg, Eckernförde, Bergisch-Gladbach, Warstein, Travemünde, Buxtehude, Paderborn, Papenburg, Soest, Marienborn, Plauen, Hof, Siegen, Mödlareuth.
Im Ausland: Bois Guillaume (Frankreich), Thorshavn (Dänemark / Färöer), Prag (Tschechische Republik), Brüssel (im Europäischen Parlament)
Ausstellung 2012:
Landratsamt Villingen-Schwenningen 21.06. - 22.07.2012
Auszeichnungen:
Kunstpreis des Landkreises Uelzen, 1982
„einheitspreis 2007“
Jürgen Ritter ist in Schwerin am 02.10.2007 mit dem „einheitspreis 2007“ in der Kategorie „Menschen“ ausgezeichnet worden.
In seiner langjährigen Arbeit als Fotograf hat Jürgen Ritter eine in ihrer Breite und Intensität einmalige Dokumentation der deutschen Teilung und Einheit geschaffen.
Lichtbildervorträge in Überblendtechnik, seit 1985
Buchveröffentlichungen:
»Die Grenze« Ein deutsches Bauwerk,
Berlin 1997-2011
(gemeinsam mit Peter J. Lapp) 8. Auflage
»Von Spitzbergen nach Franz-Josef-Land«,
Dortmund 1993;
»Archipel des Lichts«,
Dortmund 1992;
»Nicht alle Grenzen bleiben«
(alle drei Titel, gemeinsam mit Ulrich Schacht), Dortmund 1989;
Dokumentarfilm:
»Mit dem Rad Geschichte erfahren«
Spurensuche an der ehemaligen innerdeutschen Grenze,
(gemeinsam mit Dietrich Zarft)
Laufzeit 50 Min. in 16 : 9
Bildveröffentlichungen:
ARD, Allgemeine Zeitung, Altmark Zeitung, Bergischer Volksbote, Berliner Morgenpost, Bildzeitung, Bild am Sonntag, Böhme Zeitung, Braunschweiger Zeitung, Bundesrat Einblick, Bundeszentrale für politische Bildung, Das Parlament, DDR heute, Der Landbote, dpa picture-alliance, Deutsches Allgemeine Sonntagsblatt, Deutschland Archiv, Die Märkische, Die Zeit, DDR Museum Berlin, Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth, Deutsche Welle, Eichsfelder Tageblatt, Ems Zeitung, Eßlinger Zeitung, FAZ, Falling Walls, Foto Populär, foto scene, Frankenpost, Freie Presse, General Anzeiger, Globo TV, Goslarsche Zeitung, Grauer Panther, Gedenkstätte Point Alpha, Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, Grenzlandmuseum Eichsfeld, Grenzmuseum Schifflersgrund, Hamburger Abendblatt, Hamburger Morgenpost, Harburger Anzeigen und Nachrichten, Historisches Museum Hannover, Hellweger Anzeiger, HORCH UND GUCK, idea Specktrum, JA, Junge Freiheit, Kieler Nachrichten, Kölner Stadtanzeiger, Landeszeitung Lüneburg, Lauenburgische Nachrichten, Lübecker Nachrichten, Main Echo, Märkische Allgemeine, MDR, Mitteldeutsche Zeitung, N3, NDR1, Ntv, Nordis, Neues Deutschland, Oberhessische Presse, Rheinische Post, Schwarzwälder Bote, Soester Anzeiger, Spiegel Online, Spiegel Online International, Stader Tageblatt, Stuttgarter Zeitung, Swinmark Grenzmuseum, The German Tribune, Thüringer-Allgemeine, Tribuna Tedesca, TZ München, ullstein bild, Volksstimme, Warsteiner Rundschau, Die Welt, Welt am Sonntag, Weltbild, Westfalenpost, Westfälischer Anzeiger, Wilhelmshavener Zeitung, Wolfsburger Allgemeine, Wolfsburger Tageblatt, ZDF
Von Stasi-Akten, Spitzeln und dem Glauben an die Freiheit
Barum, Kr.Uelzen /(Niedersachsen)
Es sind Dokumente, die einem eine Gänsehaut erzeugen. Von Feindobjekten ist die Rede, von Hetzkampagnen, Autokennzeichen sind da genauso notiert, wie Charaktereigenschaften und der Vorname des Kindes. Es ist der Jargon eines totalitären Systems, der sich in der Stasi-Akte von Jürgen Ritter aus Barum wiederfindet. Eines Staates, der Angst vor einem Mann hatte, der mit Bildern ostdeutsche Wirklichkeit zu Zeiten des Kalten Krieges dokumentierte. Von seinem Standpunkt aus, vom Westen aus mit Blick auf ein Bollwerk, das in Jahrzehnten geschaffen wurde, mit Blick auf die innerdeutsche Grenze. Der "antifaschistische Schutzwall", der gegen den Klassenfeind aus dem Westen schützen und der in Wirklichkeit doch nur die eigene Bevölkerung einsperren sollte, ihr die Freiheit nahm.
Mehr als 40 000 Bilder umfasst das Archiv des 62-jährigen Barumers, der seit 1980 als Fotograf und Fotojournalist tätig ist. Die Grenze ist sein Thema geworden. Zu Fuß hat er sie auf der gesamten Länge abgeschritten, zunächst allein, später dann Abschnitt für Abschnitt begleitet von Beamten des Zolls. Warum er das getan hat? Ritter antwortet darauf mit einem Zitat: "Die Geschichte wird einmal ein vernichtendes Urteil nicht nur über diejenigen fällen, die Unrecht getan haben, - sondern auch über die, die dem Unrecht schweigend zugesehen haben." Dieses Zitat von dem Reichstagsabgeordneten Rudolf Breitscheid, der im KZ Buchenwald ermordet wurde, zeigt die Motivation Jürgen Ritters, die Unmenschlichkeit der Grenze in diesen abertausenden Bildern festzuhalten und sie der Öffentlichkeit zu zeigen.
Etliche Ausstellungen bundesweit füllte Ritter mit diesen Fotos, nicht immer wurde er, der auch im Bundestag ausstellte, mit offenen Armen empfangen. Etwa als die Entspannungspolitik die Annäherung an den Osten bringen sollte und Ritter im Hamburger Rathaus ausstellen sollte. Der Ausstellungstermin wurde zugesagt, dennoch – nach etlichen Verzögerungen durfte Ritter nur ausgewählte Bilder zeigen, das Geleitwort zur Ausstellung wurde nicht veröffentlicht, ein Gästebuch durfte ebenfalls nicht ausliegen. Die Sache geriet zur Peinlichkeit für die Hamburger Politik.
Wenn man in der Stasi-Akte von Jürgen Ritter liest, wird schnell klar, weswegen es all das in Hamburg nicht gegeben hat. Weil der Osten davon erfahren würde, weil Ritters Ausstellungen von Spitzeln besucht wurden, Presseberichte akribisch archiviert und mit Unterstreichungen gekennzeichnet wurden, weil Meinungen, die Besucher in dem Gästebuch niederschrieben, sich Wort für Wort in dieser Akte wiederfinden. Weil Westdeutsche als Spitzel, als sogenannte IM‘s (Informelle Mitarbeiter) für die DDR arbeiteten. Eine der größten Peinlichkeiten, eine Absurdität findet Jürgen Ritter.
"Dass sich aus unserer Gesellschaft heraus so etwas entwickeln konnte" ist für Jürgen Ritter noch immer unfassbar. Rund 30 000 Bürger der Bundesrepublik haben für den Osten gearbeitet, Bekannte ausspioniert, sich Vertrauen erschlichen. "Für einige war es die bessere Gesellschaft, die DDR wurde in der Generation der 68er teils verherrlicht." Auch in dem Verein "Grenzopfer", den Ritter gründete, wird ein IM Mitglied.
"Es ging in dem Verein darum, Menschen, die aus der DDR geflohen waren, mit einem zinslosen Darlehen einen Neustart im Westen zu ermöglichen", sagt Ritter. Bald hört er auch von einem Ostdeutschen, der verhaftet wurde, sein Vater bat ihn um Hilfe. Kurze Zeit später wird der Mann aus der Haft entlassen. Ein Dankesbrief des Vaters erreicht Ritter nie – die Stasi hatte ihn vorher abgefangen. Telefongespräche werden belauscht, die Ritter führt, in der Stasi-Akte werden terroristische Angriffe Ritters auf die deutsch-deutsche Grenze befürchtet. "Lächerlich", sagt Ritter.
Und doch hatte er in den Jahren seiner Arbeit auch oft Angst. Wenn es im Gebüsch knackte, während er an der Grenze unterwegs war. Mit seiner Frau kommuniziert er während dieses Marsches per Funkgerät, meldet sich in regelmäßigen Abständen bei ihr. Auch während dieses Marsches entstehen Bilder mit hoher Symbolkraft, die Kirchtürme direkt neben Wachtürmen zeigen oder einen Sonnenaufgang mit einem Wachturm im Gegenlicht, ein Bild in den deutschen Farben schwarz, rot, gold.
Ab 1986 dann konnte Ritter kaum noch Ausstellungen machen. Die Politik der Annäherung wollte die Mauer, die Grenze nicht als Todesinstrument abgelichtet sehen, an der fast 1000 Menschen starben – fast jede westdeutsche Stadt hatte damals schon eine Partnerstadt im Osten, einen Partner, der nicht brüskiert werden sollte. Dennoch fotografiert Ritter weiter, auch wenn diejenigen, die an eine Öffnung der Grenze glauben, als ewig Gestrige verlacht wurden, ja mehr noch in der "Welt" wird Gerhard Schröder noch im Juni 1989 zitiert mit: "Nach 40 Jahren Bundesrepublik sollte man eine neue Generation nicht über die Chancen einer Wiedervereinigung belügen. Es gibt sie nicht."
Anfang des gleichen Jahres erscheint ein Band mit Bildern und Gedichten über die Grenze von Jürgen Ritter und Ulrich Schacht. Titel: "Nicht alle Grenzen bleiben",.
Verwirklichen sollte sich diese Vision dann schon wenige Monate später, als Ritter während er im Keller Filme entwickelt, nebenbei Radio hört. Als die Meldung "In Berlin bricht die Mauer auf" kommt, glaubt Ritter an einen Scherz. Erst als die Meldungen in immer schnellerem Abstand gesendet werden, geht Ritter nach oben ins Wohnzimmer und schaltet den Fernseher ein. Bis spät in die Nacht sieht er gemeinsam mit seiner Frau die Nachrichtensendungen, Tränen fließen. Sofort am nächsten Tag macht sich Ritter auf nach Berlin. Es ist das erste Mal, dass er per Transit-Verkehr dorthin reist, bislang war er auf Empfehlung des Innenministeriums immer geflogen. Denn für Ritter wurde es als gefährlich angesehen, mit dem Auto die DDR zu durchqueren.
Jubelnde Menschenmassen erlebt Ritter in Berlin, Feuerschlucker auf der Mauer, den Aufbau riesiger Musikanlagen, aus denen wenig später "Marmor, Stein und Eisen bricht…" tönt. Drei Tage bleibt er in Berlin, fotografiert wieder, aber nicht mehr so, wie er zuvor fotografierte. Sein Auftrag war erledigt.
Weihnachten dann hält er auch die Öffnung des Grenzüberganges bei Schafwedel im Bild fest und wie in einer Nacht- und Nebelaktion die nun wieder benötigte Straße gebaut wurde. Heute arbeitet Ritter mit Museen bundesweit zusammen, hat ein Multimediaprojekt entwickelt, das an Terminals in den Museen die Auseinandersetzung mit diesem Stück deutscher Geschichte ermöglichte. 1997 erschien sein Buch "Die Grenze – Ein deutsches Bauwerk", gemeinsam mit Peter Joachim Lapp, im Verlag Ch. Links Berlin, das mittlerweile in der achten Auflage erschienen ist und als Standardwerk über die Grenze gilt.
Für Jürgen Ritter war es selbstverständlich, dass er, der in Freiheit lebte, gegen die Diktatur im Osten etwas unternehmen musste. Heute ist er glücklich, dass es nur noch einen deutschen Staat gibt. Täglich setzt er sich auch heute noch durch seine Arbeit für die Grenzmuseen mit der Grenze auseinander, ist oft im Osten und hofft, das mit der Zeit auch die Mauer in den Köpfen noch überwunden wird. "Wir sind schon ein ganzes Stück weiter."
Ritters Bilder über die Grenze und der Mauer durch Berlin sind auch im Internet unter Grenzbilder.de zu sehen. Zurzeit wird dieses einmalige Archiv (Bilddatenbank) ständig erweitert.
© Maren Schulze, Allgemeine Zeitung Uelzen
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